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13.09.2006
Der Fluss benötigt mehr Raum
Interview: Hamburger BAW-Chef Dr. Harro Heyer hat keine Bedenken gegen eine Elbvertiefung. Mit Aufspülungen und anderen Bauwerken sollen der höhere Tidenhub und stärkere Sandverwirbelungen begrenzt werden.
Von MANFRED AUGENER
PINNEBERGER ZEITUNG: Herr Dr. Heyer, die Gutachten der BAW für das Planfeststellungsverfahren der nächsten Fahrrinnenanpassung der Elbe liegen jetzt vor. In welchen Bereichen können Sie grünes Licht geben?

HARRO HEYER: In Sachen Deichsicherheit und Sturmflutwasserstände gibt es keinerlei Bedenken, wenn die Schutzelemente für heutige Beanspruchungen richtig dimensioniert sind. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Aber strömt das Wasser bei einer Sturmflut wegen der tieferen Fahrrinne nicht viel schneller und in größeren Mengen in die Elbe? 

HEYER: Wir haben alle Szenarien, auch unter Berücksichtigung der bislang höchsten Wasserstände bei Sturmfluten - bei uns war dies die Flut 1976 - sowie extremer Hochwasserstände und sogar der widrigsten Windrichtung anhand von Computersimulationen durchgespielt. Im Ergebnis bliebe eine Vertiefung der Fahrrinne quasi hochwasserneutral, die Erhöhung läge bei unter zwei Zentimetern. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Woran liegt das? 

HEYER: Bei einer Vertiefung der Fahrrinne verändern sich insbesondere extreme Wasserstände geringer als normale Tidewasserstände. Bei extremen Wasserständen ist die relative Zunahme der Wassertiefe ja auch geringer. Hinzu kommt, dass die Wassermengen einer möglicherweise mit der Sturmflut gleichzeitig auftretenden Hochwasserwelle in einer vertieften Elbe auch leichter wieder abgeführt werden können, weil auf den Abfluss nach dem Ausbau verminderte Reibungskräfte wirken. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Hat denn die Vertiefung überhaupt keinen Einfluss auf den Tidenhub, die Differenz zwischen Hoch- und Niedrigwasser? 

HEYER: Doch. Wenn wir lediglich die Fahrrinne ausbaggern würden, wäre  der Unterschied verhältnismäßig groß. Wenn das Baggergut jedoch optimal im Fluss wieder untergebracht wird, verringert sich diese Tidenhubzunahme wiederum um mehr als die Hälfte. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Experten sprechen davon, dass der Wasserspiegel der Meere in 100 Jahren um bis zu 80 Zentimeter steigen soll. Haben Sie diese Entwicklung mitberechnet? 

HEYER: Wir haben sogar, wie bei unseren Untersuchungen der Weser, 90 Zentimeter als schlimmsten Fall berücksichtigt. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Ist die Höhe unserer Deiche also in 100 Jahren noch ausreichend? 

HEYER: Das kann man so nicht sagen. Eine Höhenanpassung der Deiche muss ständig überprüft werden und findet ja auch jetzt schon statt. Es wäre wichtig und sinnvoll, ein langfristiges Entwicklungskonzept für die Elbdeiche zu entwickeln, um für die Zukunft gewappnet zu sein. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Vor allem auf niedersächsischer Seite wird darauf hingewiesen, dass nach der Vertiefung Deichabbrüche die Sicherheit gefährden. 

HEYER: Es gibt schon im Ist-Zustand bestimmte Bereiche, wo die Höhe oder Ausführung der Deiche nicht ausreichend ist und das Deckwerk ausgebaut werden müsste.

PINNEBERGER ZEITUNG: Sind Rückdeichungen sinnvoll? 

HEYER: Es war zumindest falsch, überall an den Küsten die Deichlinien zu verkürzen, mehr Vorland wäre besser gewesen. Eine Möglichkeit, Wasser bei Sturmfluten aufzunehmen, wäre der Bau von Überflutungspoldern innerhalb der Deichlinie. Das ist für die Zukunft durchaus überlegenswert. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Wo liegen die Problemfelder der Elbvertiefung? 

HEYER: Wir haben berechnet, dass danach mehr Sedimente transportiert werden, was allerdings auch eine Folge früherer Elbvertiefungen ist. Beispielsweise in den 70er-Jahren, als von 12,0 auf 13,5 Meter ausgebaggert wurde. Das hatte eine erhebliche Erhöhung des Tidenhubs zur Folge. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Wie kommt das? 

HEYER: Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle, beispielsweise werden in Hamburg immer mehr Hafenbecken zugeschüttet. Je mehr Flutraum für den Fluss verloren geht, desto mehr sinkt das Tideniedrigwasser. Dazu kommt, dass im Mündungsbereich der Elbe über die Medemrinne, die es zu Beginn der 70er-Jahre noch gar nicht gab, das Wasser schneller aus der Elbe fließt. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Welche Probleme bringt das mit sich? 

HEYER: Die Verlandungsgefahr von Nebenarmen der Elbe, etwa Pagensander Nebenelbe oder Haseldorfer Binnenelbe, wird aufgrund des schnelleren Flusslaufes größer. Auch dort, wo Sperrwerke in Betrieb sind, können sich im Mündungsbereich der Nebenflüsse mehr Sedimente ablagern. Dies ist zum Teil aber auch ein natürlicher Prozess, der von der vorgesehenen Fahrrinnenvertiefung leicht, um etwa fünf Prozent, beschleunigt wird. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Können diese Sandtransporte und -ablagerungen im Fluss beeinflusst werden? 

HEYER: Ja, indem beispielsweise das Baggergut der Vertiefung gezielt im Fluss wieder abgelagert wird. Eine konkrete Maßnahme ist die gezielte Einschnürung der Medemrinne durch eine Unterwasserschwelle aus Sand in der Elbmündung, um diese zu erhalten. Mit dem Bau sogenannter Leitwerke oder Leitdämme, etwa zwischen Gelbsand und Vogelsand, könnte der Strom mittel- bis langfristig gesteuert werden. Zudem müssten die Gründe, die zum Absenken des Tideniedrigwassers führen, genau untersucht werden. Man müsste sich darüber unterhalten, ob Hamburg mehr Flutraum für Normalwasserstände bereithalten müsste. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Bei solchen Eingriffen in den Fluss ist die Kritik von Naturschutzverbänden programmiert. 

HEYER: Vielleicht sollten die Naturschützer einmal darüber nachdenken, ob solche Eingriffe vielleicht sogar sinnvoll für das Gesamtsystem sein können. Da gibt es viele Beispiele, etwa in der Süderelbe. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Am Yachthafen in Wedel ist die Belastung durch Schwell und höhere Wasserstände höher geworden. Was ist zu tun? 

HEYER: Zum einen soll die Fahrrinne verlegt werden. Zum anderen wäre ein Tempolimit für die großen Schiffe durchaus sinnvoll, das spart den Steuerzahlern Kosten. Allerdings ist eine gewisse Geschwindigkeit unerlässlich, um die Schiffe steuern zu können. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Bringt eine Verlegung des Hafeneingangs vor Wedel etwas? 

HEYER: Eine Veränderung der Konstruktion könnte durchaus sinnvoll sein. Ich schlage vor, nach der Fahrrinnenanpassung im Rahmen eines Forschungsprojekts zu untersuchen, ob und wie eine Umgestaltung solcher Hafeneinfahrten die Belastungen minimieren könnte. 

PINNEBERGER ZEITUNG: Unterm Strich gibt es aus Ihrer Sicht also keine Bedenken gegen eine Elbvertiefung? 

HEYER: Ich habe keine Bedenken, weil im Rahmen der Untersuchungen konsequent Minimierungsstrategien verfolgt wurden. 

PINNEBERGER ZEITUNG: War dies die letzte Fahrrinnenanpassung? 

HEYER: Wer kann das wissen? Wichtig ist in diesem Projekt für mich die Erkenntnis, dass es gelingen könnte, schon heute gemeinsam an einem Strang für ein positives langfristiges Entwicklungskonzept für das Gesamtsystem Tideelbe zu ziehen. Je mehr sich konstruktiv einbringen können, desto weiter werden wir letztlich kommen. 

Pinneberger Zeitung, 13.09.2006