PINNEBERGER ZEITUNG: Herr Dr. Heyer, die Gutachten der
BAW für das Planfeststellungsverfahren der nächsten Fahrrinnenanpassung der
Elbe liegen jetzt vor. In welchen Bereichen können Sie grünes Licht geben?
HARRO HEYER: In Sachen Deichsicherheit und
Sturmflutwasserstände gibt es keinerlei Bedenken, wenn die Schutzelemente für
heutige Beanspruchungen richtig dimensioniert sind.
PINNEBERGER ZEITUNG: Aber strömt das Wasser bei einer
Sturmflut wegen der tieferen Fahrrinne nicht viel schneller und in größeren
Mengen in die Elbe?
HEYER: Wir haben alle Szenarien, auch unter
Berücksichtigung der bislang höchsten Wasserstände bei Sturmfluten - bei uns
war dies die Flut 1976 - sowie extremer Hochwasserstände und sogar der
widrigsten Windrichtung anhand von Computersimulationen durchgespielt. Im Ergebnis
bliebe eine Vertiefung der Fahrrinne quasi hochwasserneutral, die Erhöhung läge
bei unter zwei Zentimetern.
PINNEBERGER ZEITUNG: Woran liegt das?
HEYER: Bei einer Vertiefung der Fahrrinne verändern sich
insbesondere extreme Wasserstände geringer als normale Tidewasserstände. Bei extremen
Wasserständen ist die relative Zunahme der Wassertiefe ja auch geringer. Hinzu
kommt, dass die Wassermengen einer möglicherweise mit der Sturmflut
gleichzeitig auftretenden Hochwasserwelle in einer vertieften Elbe auch
leichter wieder abgeführt werden können, weil auf den Abfluss nach dem Ausbau
verminderte Reibungskräfte wirken.
PINNEBERGER ZEITUNG: Hat denn die Vertiefung überhaupt
keinen Einfluss auf den Tidenhub, die Differenz zwischen Hoch- und
Niedrigwasser?
HEYER: Doch. Wenn wir lediglich die Fahrrinne ausbaggern
würden, wäre der Unterschied
verhältnismäßig groß. Wenn das Baggergut jedoch optimal im Fluss wieder
untergebracht wird, verringert sich diese Tidenhubzunahme wiederum um mehr als
die Hälfte.
PINNEBERGER ZEITUNG: Experten sprechen davon, dass der Wasserspiegel
der Meere in 100 Jahren um bis zu 80 Zentimeter steigen soll. Haben Sie diese
Entwicklung mitberechnet?
HEYER: Wir haben sogar, wie bei unseren Untersuchungen
der Weser, 90 Zentimeter als schlimmsten Fall berücksichtigt.
PINNEBERGER ZEITUNG: Ist die Höhe unserer Deiche also in
100 Jahren noch ausreichend?
HEYER: Das kann man so nicht sagen. Eine Höhenanpassung
der Deiche muss ständig überprüft werden und findet ja auch jetzt schon statt.
Es wäre wichtig und sinnvoll, ein langfristiges Entwicklungskonzept für die
Elbdeiche zu entwickeln, um für die Zukunft gewappnet zu sein.
PINNEBERGER ZEITUNG: Vor allem auf niedersächsischer
Seite wird darauf hingewiesen, dass nach der Vertiefung Deichabbrüche die
Sicherheit gefährden.
HEYER: Es gibt schon im Ist-Zustand bestimmte Bereiche,
wo die Höhe oder Ausführung der Deiche nicht ausreichend ist und das Deckwerk ausgebaut
werden müsste.
PINNEBERGER ZEITUNG: Sind Rückdeichungen sinnvoll?
HEYER: Es war zumindest falsch, überall an den Küsten die
Deichlinien zu verkürzen, mehr Vorland wäre besser gewesen. Eine Möglichkeit, Wasser
bei Sturmfluten aufzunehmen, wäre der Bau von Überflutungspoldern innerhalb der
Deichlinie. Das ist für die Zukunft durchaus überlegenswert.
PINNEBERGER ZEITUNG: Wo liegen die Problemfelder der
Elbvertiefung?
HEYER: Wir haben berechnet, dass danach mehr Sedimente
transportiert werden, was allerdings auch eine Folge früherer Elbvertiefungen
ist. Beispielsweise in den 70er-Jahren, als von 12,0 auf 13,5 Meter ausgebaggert
wurde. Das hatte eine erhebliche Erhöhung des Tidenhubs zur Folge.
PINNEBERGER ZEITUNG: Wie kommt das?
HEYER: Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle,
beispielsweise werden in Hamburg immer mehr Hafenbecken zugeschüttet. Je mehr
Flutraum für den Fluss verloren geht, desto mehr sinkt das Tideniedrigwasser.
Dazu kommt, dass im Mündungsbereich der Elbe über die Medemrinne, die es zu Beginn
der 70er-Jahre noch gar nicht gab, das Wasser schneller aus der Elbe fließt.
PINNEBERGER ZEITUNG: Welche Probleme bringt das mit sich?
HEYER: Die Verlandungsgefahr von Nebenarmen der Elbe,
etwa Pagensander Nebenelbe oder Haseldorfer Binnenelbe, wird aufgrund des
schnelleren Flusslaufes größer. Auch dort, wo Sperrwerke in Betrieb sind,
können sich im Mündungsbereich der Nebenflüsse mehr Sedimente ablagern. Dies ist
zum Teil aber auch ein natürlicher Prozess, der von der vorgesehenen
Fahrrinnenvertiefung leicht, um etwa fünf Prozent, beschleunigt wird.
PINNEBERGER ZEITUNG: Können diese Sandtransporte und
-ablagerungen im Fluss beeinflusst werden?
HEYER: Ja, indem beispielsweise das Baggergut der
Vertiefung gezielt im Fluss wieder abgelagert wird. Eine konkrete Maßnahme ist
die gezielte Einschnürung der Medemrinne durch eine Unterwasserschwelle aus
Sand in der Elbmündung, um diese zu erhalten. Mit dem Bau sogenannter Leitwerke
oder Leitdämme, etwa zwischen Gelbsand und Vogelsand, könnte der Strom mittel-
bis langfristig gesteuert werden. Zudem müssten die Gründe, die zum Absenken
des Tideniedrigwassers führen, genau untersucht werden. Man müsste sich darüber
unterhalten, ob Hamburg mehr Flutraum für Normalwasserstände bereithalten
müsste.
PINNEBERGER ZEITUNG: Bei solchen Eingriffen in den Fluss
ist die Kritik von Naturschutzverbänden programmiert.
HEYER: Vielleicht sollten die Naturschützer einmal
darüber nachdenken, ob solche Eingriffe vielleicht sogar sinnvoll für das
Gesamtsystem sein können. Da gibt es viele Beispiele, etwa in der Süderelbe.
PINNEBERGER ZEITUNG: Am Yachthafen in Wedel ist die
Belastung durch Schwell und höhere Wasserstände höher geworden. Was ist zu tun?
HEYER: Zum einen soll die Fahrrinne verlegt werden. Zum
anderen wäre ein Tempolimit für die großen Schiffe durchaus sinnvoll, das spart
den Steuerzahlern Kosten. Allerdings ist eine gewisse Geschwindigkeit unerlässlich,
um die Schiffe steuern zu können.
PINNEBERGER ZEITUNG: Bringt eine Verlegung des
Hafeneingangs vor Wedel etwas?
HEYER: Eine Veränderung der Konstruktion könnte durchaus
sinnvoll sein. Ich schlage vor, nach der Fahrrinnenanpassung im Rahmen eines Forschungsprojekts
zu untersuchen, ob und wie eine Umgestaltung solcher Hafeneinfahrten die
Belastungen minimieren könnte.
PINNEBERGER ZEITUNG: Unterm Strich gibt es aus Ihrer
Sicht also keine Bedenken gegen eine Elbvertiefung?
HEYER: Ich habe keine Bedenken, weil im Rahmen der
Untersuchungen konsequent Minimierungsstrategien verfolgt wurden.
PINNEBERGER ZEITUNG: War dies die letzte Fahrrinnenanpassung?
HEYER: Wer kann das wissen? Wichtig ist in diesem Projekt
für mich die Erkenntnis, dass es gelingen könnte, schon heute gemeinsam an
einem Strang für ein positives langfristiges Entwicklungskonzept für das Gesamtsystem
Tideelbe zu ziehen. Je mehr sich konstruktiv einbringen können, desto weiter
werden wir letztlich kommen.
Pinneberger Zeitung, 13.09.2006